Wanderer zwischen den Welten


"Nach mittlerweile fünf Jahrzehnten, die ich auf der Bühne und vor Kameras verbracht habe, kann ich eines feststellen: Die negativen Rollen sind die besseren. Sie sind vielseitiger, denn das Dunkle hat mehr Farben als das Helle. Einen Schauspieler fordert es, diese Nuancen spielen zu können. Das ist für mich von Anfang an der besondere Reiz gewesen. Meine Karriere begann mit einer solchen Figur. In der Rolle eines Mörders in "Nachts, wenn der Teufel kam" konnte ich 1957 den ersten internationalen Erfolg feiern, seither hat es mich immer wieder zu dunklen Gestalten gezogen. Darunter auch, zumindestens früher schillerndsten Bösewichtern, die Mafiosi. Aber Vorsicht! Wir sprechen hier von fiktiven Fernsehrollen. Den Prototyp des charismatischen Mafioso à la Don Vito Corleone aus, "Der Pate" gibt es in der Realität nicht mehr. Die Bosse von heute sind gezwungen, möglichst unauffällig zu agieren und ihre Macht nie öffentlich zu demonstrieren. Die wahren Chefs bleiben immer in Deckung, große Auftritte und Eitelkeiten sind zu gefährlich. Schließlich ist die Mafia mittlerweile eine Art terroristischer Großkonzern, der genauso wie andere Unternehmen auf eine konstante Führungsriege angewiesen ist. Moderne Paten sind graue Mäuse. Man denke nur an Totò Riina, den Gottvater von Palermo, der über ganz Sizilien und Unteritalien herrschte und an die 1000 Tote auf dem Gewissen hat. Angeblich zitterten sogar härteste Mörder vor ihm. Vor ein paar Jahren wurde er gefaßt, mit dem Polizeifoto verlor das Grauen seine Kraft.

Der neue TV-Zweiteiler, Vera - Die Frau des Sizilianers" (Karfreitag, mOstersonntag, jeweils um 20.15 Uhr in der ARD) zeichnet ein Bild der Mafia, wie sie in den 60er Jahren auftrat: blutrünstig, hart, konsequent. Es ging Auge um Auge und Zahn um Zahn. Dennoch haftete diese Art von Auseinandersetzung etwas Romantisches und Gerechtes an. Es gab Ehrenkodizes, die heute kaum mehr gelten, wie zum Beispiel die sogenannte "Omertà³, die Schweigepflicht. Wer Augenzeuge eines Verbrechens wurde, schwieg über Tathergang und die Beteiligten. Außerdem standen familiäre Beziehungen über allem. Eine Einstellung, die meinem Charakter nicht entspricht. Ich bin eher Einzelgänger. Wenn man so will, habe ich Familie sogar immer vermieden. Deshalb halte ich auch nichts davon, von der Stimme des Blutes zu sprechen. Ich spiele Mafiosi nicht deshalb überzeugend, weil mein Vater Italiener war, sondern weil ich Spaß daran habe, Autorität zu verkörpern. Besonders gut hat mir übrigens meine Rolle in dem Sechsteiler "Allein gegen die Mafia" gefallen, wo ich keinen Mafioso spielte, sondern einen ihrer Gegner.

Wieviel Macht und Einfluss ein echter Don besitzt, durfte ich im jahr 1972 einmal am eigenen Leibe erfahren. In einem italienischen Actionfilm sollte ich an der Seite eines unfähigen Kollegen auftreten. Der war allerdings eine derartige Flasche, daß ich ihn am liebsten schon nach dem ersten Drehtag rausschmeißen lassen wollte. Aber sowohl Regisseur als auch Produzent sagten mir, daß das leider nicht gehe, da der junge Mensch unter der Protektion eine Dons stehe. "Gut, dann steige ich ebend aus", lautete darauf mein Vorschlag. Das sei leider auch nicht möglich, erklärte man mir nun. Dafür bräuchte ich schon einen Beinbruch oder einen anderen Unfall". Fortan hielt ich die unfähige Flache für nicht ganz so untalentiert.

Glücklicherweise hatte ich ansonsten keine weiteren Begegnungen mit der Mafia. Einmal jedoch hat sie tatsächlich versucht, Kontakt zu mir aufzunehmen. Man wollte mir bei einem Streit mit einem säumigen Mieter behilflich sein. Offensichtlich mochten mich eine der grauen Herren, weil ich in meinen Filmrollen als Mafioso immer so frech und schillernd auftrete. Ihr Hilfsangebot habe ich natürlich - wenn auch sehr höflich - abgelehnt. Denn meine besagten Leidenschaft für das Böse ist dann doch sehr beschränkt - und zwar auf die Fiktion."

Mario Adorf

Quelle: TV Digital, Ausgabe 6/2005


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