Mario Adorf - So bin ich wirklich


Sie haben dieses Jahr Ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum, feiern Ihren 20. Hochzeitstag und werden am 8. September 75 Jahre alt. Beginnen wir mal ganz uncharmant mit der 75: Ist das Alter etwas, das Ihnen Bauchschmerzen bereitet?

Die Leute, die behaupten, Älterwerden sei was ganz Tolles, die lügen. Zweifellos habe ich mich in jüngeren Jahren wohler gefühlt als heute. Aber ich habe wenigstens nicht die Angst, dass mir ein baldiger Tod bevorsteht. Ich habe gute Gene. Mein Vater ist zwar ziemlich früh gestorben, mit nicht einmal 60 Jahren, aber aus ganz erklärlichen Gründen. Er hatte extremen Bluthochdruck, war starker Raucher. Bis zu 120 Zigaretten täglich. Aber meine Mutter ist immerhin 92 geworden. Und auch meine Verwandten mütterlicherseits sind alle sehr alt geworden.

Ihre Mutter hatte einen Schlaganfall…

Ja, einen sehr schweren. Fünf Wochen später ist sie gestorben. Leider - oder vielleicht auch glücklicherweise - waren diese fünf Wochen für sie gar nicht mehr erfahrbar; sie hat diese Zeit nicht mehr bewusst erlebt. Aber für uns, die wir sie bis zum Schluss begleitet haben, war es eine sehr schwere Zeit. Da erfährt man mal, wie lang fünf Wochen sein können.

Was haben Sie verloren, als sie gestorben ist? Eine gute Ratgeberin? Eine gute Freundin?

Meine Mutter war eine ziemlich harte Kritikerin meiner Arbeit. Eine gute Ratgeberin auf jeden Fall auch. Es hatte für mich immer negative Auswirkungen, wenn ich ihren Rat mal in den Wind geschlagen habe. Sie hatte einfach einen sehr guten Menschenverstand und ein sehr gesundes Urteil. Wahrscheinlich hatte ich auch so eine enge Bindung zu ihr, weil ich bei ihr aufgewachsen bin - ohne meinen Vater. Allerdings muss ich auch sagen, dass die Verbindung zu meiner Mutter zwar sehr konstant und eng war, aber nie besonders innig. Das mag einerseits daran liegen, dass ich - als ich dann erwachsen war und im Beruf stand - selten da war. Und andererseits habe ich bei meiner Mutter nie so etwas wie Zärtlichkeit kennen gelernt. Sie hatte die typische Härte jener Mütter, die ihre Kinder allein durchbringen und mit ihnen auch den Krieg heil überstehen mussten.

Lassen Sie uns über Ihre Tochter Stella sprechen. Deren Kindheit ist ja weitgehend an Ihnen vorübergegangen, weil sie bei der Mutter aufgewachsen ist. Trauern Sie dem heute ein wenig hinterher?

Ja, auf jeden Fall. Wobei die Sache zwei Aspekte hat: Früher habe ich mir manchmal Vorwürfe gemacht, weil ich dachte, dass Stella bestimmt der Vater gefehlt hat. Aber das habe ich immer verdrängt und nicht so ernst genommen, weil ich selber ja auch ohne Vater aufgewachsen bin und nicht den Eindruck habe, dass ich deshalb nun geschädigt bin. Aber später kam mir der viel interessantere Gedanke: Dass nämlich mir selber etwas verloren gegangen ist dadurch, dass ich zu meiner Tochter immer so ein distanziertes Verhältnis hatte. Ich hätte sicher mehr vom Leben gehabt, wenn Stella mit mir zusammen aufgewachsen wäre. Lange Zeit habe ich es immer von der anderen Warte aus gesehen: Was soll’s, so sehr werde ich ihr nicht gefehlt haben, ebenso wie mein Vater mir nicht gefehlt hat. Das liegt natürlich zu einem gehörigen Teil auch an der Mutter. Meine Mutter hat es fertiggebracht, die Abwesenheit meines Vaters nicht als ein Problem aufkommen zu lassen. Aber gerade jetzt, wo Stella und ich uns einander angenähert und in den letzten Jahren ein sehr enges Verhältnis zueinander haben, bedauere ich, dass wir so lange fast keinen Kontakt zueinander hatten. Heute fehlt uns natürlich die Bindung über 20 Jahre hinweg. Meine Bindung zu Stella ist deshalb mehr von einer gewissen Sympathie getragen, die ich aber auch manch anderer Frau entgegenbringen könnte, die nicht meine Tochter ist.Ich finde meine Tochter gescheit, interessant und sympathisch, aber das Gefühl einer wirklich innigen Bindung fehlt uns.

Das verwundert nicht weiter - vor allem nicht vor dem Hintergrund, dass Sie, wie Sie eben sagten, von Ihrer Mutter nie gelernt haben, zärtliche Gefühle zu haben.

Das stimmt. Zärtliche Gefühle haben zu können - da haben mich erst meine Frauen hingeführt. Früher habe ich mich Frauen gegenüber, glaube ich, ziemlich machohaft verhalten. Gefühllos, auf Sex fixiert. Dass Sex auch sehr viel mit Liebe, Zärtlichkeit, Gefühl zu tun hat, das habe ich erst später gelernt.

Sie haben mit vielen tollen Frauen - Sophia Loren und Gina Lollobridgida z. B. - gearbeitet. Ist Ihnen je eine gefährlich geworden?

Soll ich ganz ehrlich sein? Keine Einzige! Weil sie einfach zu schön sind. Und folglich langweilig. Meine Erfahrung ist, dass Frauen, die ihre kleinen Ecken und Kanten haben, viel attraktiver sind und auch offener auf andere Menschen zugehen. Frauen wie die Loren oder die Lollobridgida oder auch Anita Ekberg sind zwar tolle, äußerst professionelle Schauspielerinnen. Aber sie sind sich ihrer makellosen Schönheit auch bewusst und geben sich oftmals etwas selbstgefällig und von oben herab. Mit solchen Frauen konnte ich nie was anfangen.

Sie werden nicht müde, öffentlich zu behaupten, sexuelle Treue sei nicht lebbar. Was sagt Ihre Frau dazu, wenn Sie öffentlich solche Dinge verkünden?

Dazu muss man wissen, dass wir uns in der Zeit vor unserer Heirat beide ziemlich ausgetobt haben. Wir hatten beide eine ziemlich heftige Zeit. In der Zeit nach unserer Hochzeit hatten wir beide ja schon ein etwas reiferes Alter; da ist nichts mehr passiert. Aber vor unserer Hochzeit hatten wir öfter mal was nebenbei laufen. Meine Frau genauso wie ich. Wir haben uns deshalb ja auch mehrere Male getrennt. Wenn meine Frau einen anderen Partner hatte, habe ich das nie so genau wissen wollen. Daran zeigt sich schon, dass bei mir natürlich immer auch ein bisschen Eifersucht im Spiel war. Aber ich hatte ja auch öfter andere Verbindungen. Aber Monique und ich haben immer wieder gemerkt, dass wir nicht voneinander lassen wollen. Bis wir zu dem Punkt kamen, wo wir gesagt haben: Jetzt haben wir alles ausgekostet, alle Wünsche in sexueller und partnerschaftlicher Hinsicht sind erfüllt worden, jetzt sind wir wirklich reif dafür, uns mit letzter Konsequenz füreinander zu entscheiden. Ich kenne übrigens eine Menge Männer, die nicht geduldet hätten, dass die Frau sich genauso austobt wie sie selber. Aber für unser beider Entwicklung war das wichtig. Deshalb sind in der Zeit nach unserer Hochzeit auch keine eklatanten Dinge mehr vorgekommen. Natürlich gab es bei mir da und dort noch mal eine Verliebtheit, der ich mich auch nicht widersetzt habe. Aber wir beide, meine Frau und ich, wissen heute einfach zu gut, dass solche Verliebtheit auch wieder vergeht und dass es deshalb keinen Sinn macht, dafür unsere große Liebe und unsere funktionierende Partnerschaft zu riskieren.


Quelle: SUPERillu
Interview Torsten Schuster

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