Geburtstagskanon für einen großen Mimen


Mario Adorf beendet die "Da Capo"-Tournee zu seinem 50-jährigen Bühnenjubiläum im ausverkauften Mainzer Theater

Vom 26.09.2005 von Jens Frederiksen

MAINZ Kein Sessel. Zu seinem 75. Geburtstag, der zugleich sein 50-jähriges Bühnenjubiläum markiert, will er keine Fernseh-Gala mit Plauderei und Nettigkeiten-Austausch, will keine Küsschen, keine Geschenke. Und er will keinen Sessel. Mario Adorf, Schauspieler-König mit Anspruch auf ein ganzes Sortiment von (Thron-) Sesseln, hat sich und seinem Publikum stattdessen eine zweistündige Bühnenshow geschenkt, die in der Form einer fiktiven Bühnenprobe ein einziges wohl inszeniertes Understatement darstellt.

Das mit "Da Capo" überschriebene Programm hatte am 8. September, seinem Geburtstag, im Münchner Prinzregententheater Premiere, ging dann auf Tournee nach Hamburg, Köln, Berlin und Frankfurt - und machte jetzt allerletzte Station im ausverkauften Großen Haus des Mainzer Theaters.

Großer Bahnhof für Adorf: Vor dem Theater liegt ein blauer Teppich, flankiert von Film- und Theaterfotos, die alle Karriere-Stationen bedenken - darunter auch eine schöne, rührend unbeholfene Privataufnahme von einer Studentenaufführung in Mainz, bei der Adorf offenbar erste Gehversuche in der Rolle des jugendlichen Liebhabers unternahm. Und drinnen wartet die gesamte Prominenz aus Stadt und Land - bis hin zum mittlerweile 98 Jahre alten vormaligen ZDF-Intendanten Karl Holzamer, bei dem Adorf Anfang der 50er Jahre während seiner vier Mainzer Uni-Semester Philosophie belegt hatte.

Adorfs Beziehungen zu Mainz sind vielfältig, und in der ersten Plauder-Nische seiner "Da Capo"-Show kommt er denn auch darauf zu sprechen, erinnert an seine Zeit als "Zementmischer" und "Eisenbieger" in den Semesterferien bei den Schott Glaswerken und registriert ein bisschen erstaunt, dass die Beziehung zur Stadt nie abgerissen sei - Lesungen, die Verleihung der Zuckmayer-Medaille und diverse "nicht zu verachtende Weinproben" hätten ihn immer wieder nach Mainz geführt.

Bis es so weit ist und Adorf erzählt, läuft die "Da Capo"-Show allerdings eine Zeitlang ohne ihren Protagonisten ab. Und das ist so gewollt. Ein kurzer Film-Spot auf der nur mit weißen Gardinen und der Andeutung einer Show-Treppe bestückten Bühne läuft vorneweg - ein Spot, in dem Senta Berger als Taxifahrerin mit dem Ausruf "Der Mario Adorf - mich trifft der Schlag!" in den Stadtverkehr hinausbraust. Doch live taucht neben einem bestens aufgelegten Musiker-Quartett zunächst nur ein umtriebiger Moderator mit kahlrasiertem Schädel - Stephan Zinner - auf, der erst mal die Treppe runterfällt und dann ein "Bienvenue, welcome" in die Runde schmettert.

Danach erwartungsfroher Auftrittsapplaus für einen betagteren Herrn mit grauem Bart - doch es ist immer noch nicht Mario Adorf, sondern Peter Berling, ein Freund aus alten Tagen. Der fiktive Regisseur der übermütig hingetupften Show-Probe, Daniel Friedrich, taucht mit Assistentin und Skript-Girl auf, alle mimen Verzweiflung, singen mal was Rockiges, mal was Jazziges - aber immer etwas, in dem das Wort Mario vorkommt. Und einmal darf das Publikum sogar zur Melodie von "Fr´Zre Jacques" einen Geburtstagskanon für Mario einstudieren.

Eine halbe Stunde - dann kommt der Held des Abends zum ersten Mal im Bademantel aus den Kulissen geschlendert, singt mit Peter Berling im Duett den furiosen "Kanonen-Song" aus Brechts und Weills "Dreigroschenoper". Dann geht er wieder, und Filmausschnitte aus frühen Italo-Western, aus "Kir Royal", dem "Großen Bellheim" müssen den Verlust ersetzen. Hinzu kommen Musical-Einlagen zuhauf, bei denen die platinblonde Sunnyi Melles mit dünner Mädchenstimme viel komödiantisches Talent entwickelt. Nur: Wo ist Mario Adorf?

Nun - er will partout nicht im Mittelpunkt stehen. Sein erstes Plauder-Solo mit den Mainz-Anmerkungen kommt noch sehr verhalten, fast stockend. Und es dauert eineinviertel Stunden, bis er richtig loslegt und mit einem köstlichen Erzähl-Parcours voller Theateranekdoten alle vorangegangene Sprödigkeit vergessen macht. Und als er nach einem Schnelldurchgang durch seine diversen Film-Tode abermals mit rauchigem Sprechgesang die "Dreigroschenoper" anpeilt ("Siehst du den Mond über Soho?") und in die unentschieden raunenden Zeilen "Die Liebe dauert oder dauert nicht/ An dem oder jenem Ort" trudelt, da ist eigentlich ein wunderbar vieldeutiger Schlusspunkt erreicht.

Es geht aber noch ein bisschen weiter - bis hin zu Adorfs Hans Albers-Verbeugung "Goodbye, Johnny". Ovationen - und dann folgt doch noch, was Adorf eigentlich nicht will: Dr. Udo Ungeheuer, Vorstandsvorsitzender der Schott AG, überreicht dem Schauspieler den Schott-Ehrenpreis in Gestalt eines Glaskubus mit eingravierter Erinnerung an das 50. Bühnenjubläum - und Ministerpräsident Kurt Beck setzt noch einen drauf, verleiht dem sichtlich Gerührten den höchsten Orden des Landes, ergänzt um die aus den Archiven gezogenen Studentenpapiere Adorfs aus den Mainzer Jahren. Bis ein drängendes "Ich glaub, das war´s" aus Adorfs Mund diesen ebenso ungewöhnlichen wie bewegenden Abend beendet.

Quelle: Allgemeine Zeitung Mainz


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